Theaterverein Rellingen in der Presse


25. März 2019, Pinneberger Tageblatt:

Eine Frau trickst die Männer aus

Umjubelte Premiere des Theatervereins Rellingen


Jungfer Julchen (Raina Klehn, Mitte) lässt sich den vom Offizier mitgebrachten Zobelpelz gut stehen. Lena (Jana Kajah, links) und Margreet (Friederike Bauer, rechts) gefällts.
Foto: Frauke Heiderhoff

Frauke Heiderhoff, Ellerbek: Mit schönen Gesangsbeiträgen, großer Spielfreude und fantasievollen Kostümen hat der Rellinger Theaterverein sein Lustspiel „Jungfer Julchen“ aufgeführt. Das am Sonnabend im sehr gut besuchten Spiegelsaal aufgeführte Stück dreht sich um die abgebrühte Kokotte Julchen, schalkhaft und durchtrieben dargestellt von Raina Klehn. Der Name Junger Julchen ist ironisch gemeint. Denn Julchen und ihre Haushälterin Margreet (Friederike Bauer) träumen davon, sich mit dem Geld ihrer drei Verehrer abzusetzen und nach Paris zu reisen. Alle Darsteller spielen das Stück von Jacob Michael Reinhold Lenz unter der Regie von Margrit Möller mit Herzblut und Witz. Sie meistern souverän den anspruchsvollen, viele Mono- und Dialoge enthaltenden plattdeutschen Part in der Fassung von Herma Koehn.

Lenz ist ein Dichter, der wie Goethe der Literaturepoche des Sturm und Drang angehört. Er nimmt in seinen Dramen eine kritische Haltung gegenüber Offizierkorps und Adel ein. Dieses revolutionäre Gedankengut transportierten der den Offizier Schlachtwitz spielende Andreas Rode sowie der den Landjunker von Büdelsdörp verkörpernde Leo Freudenthal auf vergnügliche Weise. Beide Schauspieler brachten das Publikum in ihren Rollen als naiver Junker wie als grotesk-überzeichnete Offiziersfigur immer wieder zum Lachen.

Doch auch die weiteren Darsteller, darunter Friederike Bauer als durchtriebene Haushälterin und Dirk Schaller als Kaufmann Penning reizten das Potential ihrer Rollen gekonnt aus. Die gelungene musikalische Form rundete die Inszenierung ab. Der mit Rüschen-Hemd bekleidete Kantor Oliver Schmidt (Kleines Foto) begleitete das Stück mit zur Fassung gehörenden Klavierstücken sowie mit eigens improvisierter Musik. „Es hat mir totalen Spaß gemacht, dabei zu sein“, sagte Schmidt. Barock-Frisuren mit kunstvoll-aufgedrehten Röllchen, selbstgenähte Kostüme und ein Bühnenbild mit historischer Tür und gehäkelten Vorhängen verliehen der Inszenierung im Jubiläumsjahr (90 Jahre Theaterverein Rellingen) eine besondere Fassung und sorgten für eine authentische Atmosphäre. Regisseurin Möller faszinierte am satirischen Stoff, dass sich die Frauen raffiniert gegen die Männerwelt durchsetzen und das Thema Gleichberechtigung im historischen Lustspiel bereits eine Rolle spielte. „Frauen hatten früher kaum eine Chance, selbstständig zu sein“, bilanzierte die Regisseurin.


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